📖 Eiskalte Brandung
Der Sturz: Die letzte Vorbereitung
Der Kuss lag noch auf ihren Lippen, als Mila sich losriss. Sie trat einen Schritt zurück, die Hände vor der Brust verschränkt, als könnte sie damit die Wärme zurückhalten, die sich in ihr ausbreitete. „Ich brauche Zeit“, sagte sie, und ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. Lennart nickte langsam, sein Blick war ruhig, aber in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte.
Er machte keine Anstalten, sie zu berühren, und das war gut so. Mila atmete tief durch. Sie musste klar denken. Der Wettkampf war in zwei Tagen, und sie konnte sich keine Ablenkung leisten.
Sie sah zu, wie Lennart sich umdrehte und zur Tür ging. Auf der Schwelle blieb er stehen, ohne sich umzudrehen. „Ich bin morgen früh am Strand“, sagte er leise. Dann war er weg.
Mila ließ sich auf das Bett sinken und starrte an die Decke. Ihr Herz schlug immer noch schnell, aber sie zwang sich, an das Training zu denken. An die Wellen. An den Sieg.
Nicht an ihn. Am nächsten Morgen war der Himmel klar, und die Nordsee lag ruhig da, als Mila zum Strand kam. Lennart stand schon dort, die Arme verschränkt, und beobachtete die Brandung. Sie hatte sich geschworen, professionell zu bleiben, und das würde sie durchziehen.
Sie nickte ihm kurz zu, dann begannen sie mit dem Aufwärmen. Die Schulter schmerzte, aber sie biss die Zähne zusammen. Lennart gab ihr Übungen für die Rotatorenmanschette, und sie führte sie aus, ohne zu murren. Sie konzentrierte sich auf ihre Technik, auf die Bewegungsabläufe, die sie perfektionieren musste.
Nach einer Stunde war sie schweißgebadet, aber sie fühlte sich stark. Da hörte sie ein vertrautes, spöttisches Lachen. Kjell van der Meer stand am Strand, die Hände in den Taschen, ein Grinsen im Gesicht. „Na, Jensen, willst du mit einer kaputten Schulter gegen mich antreten?
Das wird ja ein Witz.“ Mila richtete sich auf und sah ihn ruhig an. „Ich habe schon mit schlimmeren Verletzungen gewonnen, van der Meer. Du solltest dich lieber um deine eigene Technik kümmern.“ Kjell lachte auf. „Deine Technik?
Du kannst ja kaum den Arm heben. Soll ich dir zeigen, wie man wirklich surft?“ Er deutete auf sein Board, das am Strand lag. Mila spürte den Stich in der Schulter, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Sie drehte sich zu Lennart um.
„Gib mir mein Board.“ Lennart zögerte. „Bist du sicher?“ „Ja.“ Sie nahm das Board und ging zum Wasser. Die Wellen waren nicht hoch, aber sie reichten. Sie paddelte hinaus, die Arme brannten, aber sie ignorierte den Schmerz.
Als eine Welle kam, setzte sie sich auf und ritt sie mit einer Leichtigkeit, die sie selbst überraschte. Sie machte einen Cutback, dann einen Bottom Turn, und zum Schluss einen kleinen Air, den sie sauber landete. Als sie zurück zum Strand paddelte, sah sie Kjells Gesicht. Er war blass vor Wut.
Sie stieg aus dem Wasser und stellte sich vor ihn. „Noch Fragen?“ Kjell schnaubte und ging davon, ohne ein Wort. Mila spürte einen Triumph, der besser war als jeder Schmerz. Lennart kam zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Das war beeindruckend.“ Sie lächelte, aber sie wusste, dass Kjell nicht aufgeben würde. Nach dem Training setzten sich Mila und Lennart auf die Düne. Sie tranken Wasser, und die Stille war nicht unangenehm. Mila spürte, wie die Anspannung langsam wich.
Sie sah zu, wie die Wellen an den Strand rollten, und dachte an den Wettkampf. „Danke, dass du mir hilfst“, sagte sie schließlich. Lennart sah sie an. „Ich will, dass du gewinnst.
Nicht nur wegen des Wettkampfs, sondern weil du es verdienst.“ Mila spürte ein warmes Gefühl in der Brust. Sie wollte ihn wieder küssen, aber sie hielt sich zurück. Sie hatten eine professionelle Vereinbarung getroffen, und sie würde sich daran halten. Sie stand auf und klopfte den Sand von ihrer Hose.
„Ich sollte mich ausruhen. Morgen ist der große Tag.“ Lennart nickte. „Ich hole dich um sieben ab.“ Sie lächelte und ging zurück zur Pension. Am Abend, als sie in ihrem Zimmer lag, konnte sie nicht schlafen.
Sie dachte an Lennart, an den Kuss, an das, was er ihr über ihren Vater erzählt hatte. Sie fühlte sich ihm näher als je zuvor, aber gleichzeitig hatte sie Angst, dass diese Nähe sie ablenken würde. Sie musste fokussiert bleiben. Sie schloss die Augen und versuchte, an die Wellen zu denken.
Aber in ihren Gedanken war immer wieder sein Gesicht. Am nächsten Morgen, als Mila noch schlief, schlich Lennart in den Abstellraum, wo ihre Surfboards lagerten. Er wollte noch einmal die Finne überprüfen, als er einen Riss im Carbon entdeckte. Jemand hatte das Board manipuliert.
Am Vorabend des Wettkampfs entdeckt Lennart, dass jemand Milas Surfbrett manipuliert hat, und er repariert es heimlich in der Nacht.






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