📖 Eiskalte Brandung
Der Sturz: Grenzen der Nähe
Mila zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Ich brauche keine emotionale Unterstützung“, sagte sie scharf. „Nur professionelle Therapie. Das ist dein Job, oder?“ Lennart ließ die Hand sinken, sein Blick blieb ruhig.
„Okay. Dann konzentrieren wir uns auf die Schulter.“ Er drehte sich zu seinem Tablet und rief den Trainingsplan auf. Mila atmete durch. Sie war hier, um zu trainieren, nicht um sich abzulenken.
Ihr Sponsor hatte ihr eine Frist von zwei Wochen gesetzt, um Fortschritte zu zeigen – sonst würde der Vertrag gekündigt. Sie konnte es sich nicht leisten, Zeit mit unnötigen Gefühlen zu verschwenden. Lennart führte sie durch eine Reihe von Übungen, die ihre Schmerzgrenze testeten. „Heb den Arm langsam an“, sagte er, während er ihre Bewegungen beobachtete.
Mila biss die Zähne zusammen. Bei jeder Wiederholung schoss ein stechender Schmerz durch ihre rechte Schulter, aber sie weigerte sich aufzugeben. Sie dachte an die Frist ihres Sponsors, an Kjells höhnisches Grinsen, an all die Zweifler, die sie abschrieben. „Weiter“, befahl Lennart.
Sie spürte, wie ihre Muskeln zitterten, aber sie hob den Arm Stück für Stück. „Du schaffst das“, sagte er, seine Stimme fest. Mila konzentrierte sich auf seinen Ton, nicht auf den Schmerz. Sie stellte sich vor, wie sie auf dem Board stand, die Welle vor sich.
„Noch ein Stück“, drängte Lennart. Sie stöhnte, aber sie gehorchte. Ihr Arm zitterte, doch sie hob ihn über Schulterhöhe. Lennart nickte anerkennend.
„Gut. Jetzt halten.“ Mila hielt die Position, Tränen brannten in ihren Augen, aber sie ließ nicht los. Als sie den Arm senkte, war sie erschöpft, aber ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie hatte es geschafft.
Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie ihren Arm wieder über Schulterhöhe gehoben. Lennart notierte etwas auf seinem Tablet. „Das ist ein Fortschritt“, sagte er. „Mehr als ich erwartet hatte.“ Mila wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Ich muss besser werden. Schnell.“ Lennart sah sie an. „Schnelligkeit ist nicht alles. Du musst auf deinen Körper hören.“ Mila schnaubte.
„Mein Körper hat mir gesagt, ich soll aufgeben. Ich höre nicht auf ihn.“ Lennart schüttelte den Kopf, aber ein Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln. „Dann lass uns weitermachen.“ Sie arbeiteten weiter, Übung für Übung. Mila spürte, wie ihre Schulter langsam aufwachte, aber auch, wie die Erschöpfung sie einholte.
Sie ignorierte das Brennen und konzentrierte sich auf Lennarts Anweisungen. Seine Nähe war eine ständige Ablenkung, aber sie versuchte, sie auszublenden. Sie war Profi, sie konnte das. Als die Stunde vorbei war, lehnte sie sich gegen die Wand, außer Atem.
Lennart stand vor ihr, sein Gesicht ernst. „Du hast dich gut geschlagen“, sagte er. „Aber du darfst dich nicht überfordern.“ Mila lachte trocken. „Überfordern?
Das ist mein Leben. Ich muss immer an meine Grenzen gehen.“ Lennart trat einen Schritt näher. „Manchmal ist es stärker, Grenzen zu respektieren.“ Mila sah ihn an, eine Herausforderung in ihren Augen. „Und manchmal ist es stärker, sie zu durchbrechen.“ Sie hielt seinem Blick stand, bis er schließlich nickte.
„Okay. Dann lass uns morgen wieder trainieren.“ Lennart lächelte, ein echtes Lächeln, das seine Augen erreichte. „Ich bin beeindruckt, Mila. Du hast mehr Willenskraft als die meisten, die ich kenne.“ Mila spürte, wie ihre Wangen warm wurden.
Sie wollte etwas Erwiderndes sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Lennart trat näher, um ihr eine Wasserflasche zu reichen. „Du hast das gut gemacht“, sagte er leise. „Wirklich.“ Mila nahm die Flasche, ihre Finger berührten sich kurz.
Ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie sah auf, und ihre Blicke trafen sich. Lennart war so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Sein Geruch, eine Mischung aus Salz und etwas Holzernem, umhüllte sie.
Für einen Moment schien die Welt anzuhalten. Mila spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie wollte sich nicht eingestehen, was das bedeutete, aber ihr Körper reagierte. Lennart beugte sich leicht vor, seine Augen auf sie gerichtet.
„Du bist stärker, als du denkst“, flüsterte er. Mila konnte seinen Atem auf ihren Lippen spüren. Ihr Verstand schrie, sie solle zurückweichen, aber ihr Körper gehorchte nicht. Sie stand da, wie erstarrt, und spürte die Intensität des Moments.
Dann, mit einem Ruck, trat sie einen Schritt zurück. Ihr Herz raste, und sie atmete schwer. „Ich muss gehen“, sagte sie, ihre Stimme heiser. Sie drehte sich um und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzusehen.
Aber in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. Was war das gerade? Und warum fühlte es sich so gefährlich an? Mila stand an der Tür, ihre Hand auf der Klinke.
Sie spürte Lennarts Blick auf ihrem Rücken, aber sie drehte sich nicht um. Sie musste hier raus, bevor sie etwas tat, das sie bereuen würde. Doch als sie die Tür öffnen wollte, hörte sie seine Stimme hinter sich. Als Lennart ihr gratuliert, kommen sie sich versehentlich näher, und Mila spürt seinen Atem auf ihrer Haut, bevor sie abrupt zurückweicht.






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